Gestern hat Brasiliens Staatschef Lula grünes Licht für “Belo Monte” gegeben. Was so idyllisch klingt, ist in Wahrheit eines der verheerendsten Angriffe auf das Amazonasgebiet: am Xingufluss soll das drittgrößte Wasserkraftwerk der Welt entstehen. 17.000 Menschen sollen ihre Heimat verlieren, darunter viele Indios. 100 Fischarten sollen, so brasilianische Wissenschaftler, durch Belo Monte aussterben. Wie viele Amphibien, Reptilien, Vögel oder gar Insekten es darüber hinaus “trifft” ist völlig unklar. Denn – genau
wie bei Ilisu – gibt es keine seriöse Umweltprüfung. Ähnlich ist es bei den Anwohnern: für die Indios in Amazonien gibt es ebenso wenig Klarheit über deren Zukunft, wie bei den Menschen in der Türkei. Umsiedlungsplan? Fehlanzeige.
Bei Belo Monte geht es nicht nur um den Xingufluss und seine Bewohner, es geht um die Zukunft des gesamten Amazonasgebietes. 80 weitere Megadämme sollen laut Regierung Lula folgen. Eintausend Fischarten, könnten dadurch aussterben. Ein Zehntel aller Süßwasserfischarten der Welt.
Das Ilisu Projekt in der Türkei und Belo Monte haben vieles gemeinsam, aber v.a. eines: sie sind rücksichtslose Gigantomanieprodukte. Rücksichtslos gegen die Natur und gegen die Bewohner. Diese Form der Wasserkraft läuft letztlich auf die völlige Vernichtung der Naturgebiete und seiner Bewohner hinaus.
Auffällig ist, dass derartige Mega-Projekte v.a. in Länder wie Türkei, Brasilien und China forciert werden. Diese wirtschaftlich aufstrebenden Staaten kennzeichnen diktatorische politische Strukturen (zumindest aber schwache Demokratien) mit extremer kapitalistischer Ausrichtung, hohe Technikgläubigkeit und ein starker Hang zur Gigantomanie. “Geld machen” geht über alles, Natur wird nur als Ressource geschätzt, die es auszubeuten gilt. Menschen stehen nur im Wege und werden vertrieben. Dazu kommt eine logischerweise noch schwache Zivilgesellschaft, die v.a. in Sachen Natur kaum mit der technischen Ausbeutung Schritt halten kann. Noch dazu in unserer halbglobalisierten Welt. Denn während die Regeln der Finanzen und Wirtschaft weltweit gelten, sind soziale und ökologische Belange rechtlich noch auf der Ebene der Provinz angesiedelt. Aber Gigantomanieprojekte wie Belo Monte oder Ilisu haben weltweite Konsequenzen (Zerstörung der Artenvielfalt, Kulturschätze). Deshalb betrifft mich der Staudamm am Xingu ebenso, wie jemand aus Rio oder Sao Paulo. Wenn wir den Amazonas erhalten wollen, dann müssen auch wir uns engagieren und den Wahnsinn stoppen.
Auch das Argument, dass Belo Monte 23 Mio Haushalte mit Strom versorgt, ist nicht mehr als der übliche marketing Gag: die Energie kommt nämlich nicht den Anwohnern zu Gute, sondern soll für immer neue und größere Aluminiumwerke in Brasilien verwendet werden.
Die Verkündung des Baus ist nicht das Ende des Widerstandes, im Gegenteil. Belo Monte kann zu einem weltweiten Symbol für rücksichtslose Zerstörung werden. Das letzte Wort ist noch lange nicht gesprochen.
