Climate Crimes – die andere Sicht der Dinge

Die Reaktion auf den Film Climate Crimes waren in der Regel äußerst positiv, doch natürlich gibt es auch Kritik. Alles andere wäre auch merkwürdig bei einem derart wichtigen Thema. Vor allem auf Seiten der Klimaschützer wird der Film mit einigem Unbehagen gesehen und kontrovers diskutiert. Deshalb hab ich hier meine Ansichten etwas ausführlicher niedergeschrieben. Die folgenden Ausführungen beziehen sich konkret auf den blog von Georg Günsberg, http://guensberg.wordpress.com/2013/02/12/geht-es-wirklich-um-climate-crimes-eine-kritik-zur-laufenden-doku/

Eines gleich vorweg: ich bin Naturschützer, der sich für den Klimaschutz einsetzt. Aber eben für echten Klimaschutz und nicht für das, was uns da alles als solcher verkauft wird. Der Film heißt deshalb auch Climate Crimes – Umweltverbrechen im Namen des Klimaschutzes. Es geht um Etikettenschwindel, um Betrug.

Natürlich könnte man bei all den aufgezeigten Projekten das Klimathema ausblenden. Also Palmölanbau ohne Klimaschutz, Biogas kein Klimaschutz, Wasserkraft kein Klimaschutz. Das wäre eine fatale Fehleinschätzung der Realität. Der Klimaschutz hat maßgeblichen Anteil am boom dieser „grünen Energien,“ er ist der aktuelle Motor dahinter. Deshalb „…kontextualisiert…“ der Film auch nicht falsch, sondern meines Erachtens genau richtig. Der Klimaschutz wird missbraucht, um Natur zu zerstören, Arten auszurotten und Menschen zu vertreiben. Und letztlich ist die Pauschalisierung in dem Zusammenhang legitim, wenn ich sage, dass „der Klimaschutz“ ein Verbrechen ist. Es geht im Film nämlich um den Klimaschutz, der uns als solcher verkauft wird, nicht um den, den wir hoffentlich alle meinen, bzw. uns wünschen. Die Ansicht im Blog, dass der Klimaschutz „.. manchmal missbräuchlich als Argument eingesetzte wird…“ ist gelinde gesagt eine Verzerrung der Realität. Ich war leider auf viel zu vielen Konferenzen in den letzten Jahren und bin schon zu lange im Naturschutzgeschäft, um das nicht mitbekommen zu haben. Ich hab viele Stunden Interviews mit NGO Vertretern, Politikern, Lobbyisten für Climate Crimes aufgenommen. Fast schon wie ein Mantra rufen alle: die erneuerbaren Energien müssen ausgebaut werden. Für´s Klima. Koste es was es  wolle … steht häufig ungesagt dahinter. Und genau der Meinung bin ich nicht. 

Schaut euch die Werbungen der Firmen, die Reden und Interviews der Politiker, die Marketingstrategien verschiedener Fonds etc. an. Überall versucht man mit dem Klimathema und dem grünen Wachstum Profit zu machen. Das alles zusammen hat letztlich zu einem Klimawandel im Kopf geführt, durch den Naturzerstörung nun hingenommen wird, nach dem Motto: „Es ist ja gut fürs Klima.“

Auch im öffentlichen Diskurs und innerhalb der NGO Szene wird der Klimaschutz tatsächlich häufig als Totschlagargument gebraucht. Hab ich hunderte Male erlebt. Schutz von Flüssen? Aber es geht doch ums Klima! Schutz von Landschaft? Klima! Schutz von Wäldern: Klima! Widerspruch? Hochverrat!

 

Und das schlimme ist doch, dass beim Klimaschutz nix weitergeht. Es findet eben keine drastische Reduktion der Klimagase statt. Allein in Deutschland sind gerade 13 Kohle- und Gaskraftwerke im Bau oder stehen kurz davor. Von wegen grüne Energie ersetzt konventionelle Kraftwerke.

Echter Klimaschutz würde zu allererst auf die Reduktion des Verbrauchs setzen und zwar drastisch und konsequent. Wir reden aber in 90 % der Fälle über zusätzliche Produktion, also von Wachstum. Das kann nicht gut gehen und tut es ja auch nicht. So wie derzeit die Klimapolitik läuft und wie diese grünen Energien forciert werden tut man nix fürs Klima, man beschleunigt nur die Naturzerstörung, den Artenrückgang und die Vertreibung von Menschen. Climate Crimes eben.

Was wir stattdessen brauchen, sagen im Film die beiden Ökonomen, Niko Paech und Tim Jackson. Natürlich einerseits die Abkehr vom Wachstum. Andererseits und um einiges konkreter: Establish the limits. Grenzen setzen. Und da haben wir beim Natur- und Artenschutz bisher versagt. Wir brauchen für die globale Natur, aber auch für die vor unserer Haustür so etwas wie Flächennutzungsplan, einen Masterplan, der festlegt, wo was gebaut werden darf und wo nicht. Sonst passiert genau das, was jetzt geschieht, Raubbau an der Natur.

Wenn man mir schon nicht glaubt, dann vielleicht Niko Paech? Paech ist einer der bekanntesten Ökonomen Deutschlands und Wachstumskritiker. Der setzt sich in Deutschland für ein generelles Flächenmoratorium ein, d.h. auch für erneuerbare Energien sollen keine unverbauten Flächen mehr geopfert werden, nicht für Wind, nicht für Solar etc. Aus gutem Grund. Auch ihm darf man getrost glauben, dass ihm an einer Energiewende gelegen ist. Aber das,  was da gerade abläuft hält er für extrem kontraproduktiv. Ein Beispiel hier http://www.youtube.com/watch?v=_0ipeAByMZ0

Ich denke, ich spreche für viele, wenn ich sage, dass ich sehr wohl für den Umbau des Energiesystems bin, aber das, was da derzeit abläuft, hab ich nicht gewollt und macht auch keinen Sinn. Nach einigen Wochen touren mit dem Film durch Deutschland bin ich mehr denn je davon überzeugt, dass wir vieles grundsätzlich überdenken müssen. Wir brauchen einen Klimaschutz, der die Natur viel stärker mit einbezieht. Zu häufig wird Naturzerstörung durch Umwelt (Klima-)schutz argumentiert.

Es scheint mir hoch an der Zeit, dass wir die Klimadebatte neu führen, dass wir uns mal ernsthaft überlegen, was in der Vergangenheit falsch gelaufen ist und was wir anders machen sollten. Ein „weiter so, nur mehr davon“ kann es doch nicht sein. Das zu verkennen, wäre fatal. Nicht nur für uns und die Umwelt, sondern auch für den Klimaschutz.

Zu den einzelnen Themen des Films:

Die Wasserkraft möchte ich mit einem Zitat der Wasserkraftlobby beginnen: „The outlook for the hydro energy sector appears bright on the backdrop of the strong governments support all over the world. The key drivers of the growth in installed capacity are the favorable government policies for the clean sources of energy and concerned over global warming.” (Global Data, Water&Dams 2010).

Nie zuvor hat es einen derart großen Ausbauboom gegeben wie jetzt. Wie es auch im Film beschrieben ist, wurden in den 1990er Jahre kaum neue Staudämme gebaut. Warum? Weil überall der Widerstand groß war und selbst die Weltbank erkannte, das die Dämme zu häufig nicht halten, was sie versprechen. Deshalb stoppte die auch die Finanzierung großer Wasserkraftwerke. Das hat sich völlig geändert. Der ehemalige Weltbank Chef Robert Zoellik änderte die Politik. Wegen des Klimawandels sei Gefahr in Verzug, die Wasserkraft solle deshalb verstärkt ausgebaut werden – so Zoellik. Seitdem fließt das Geld wieder in den Bau von Staudämmen. 2010 wurden weltweit 110 Mrd US $ investiert, 2011 waren es noch einmal mehr (zum Vergleich: 2010 flossen weltweit 19 Mrd $ in den Ausbau der Solarenergie).

Beispiele gibt es zuhauf, nicht nur in Brasilien und der Türkei. Am Balkan zwischen Slowenien und Albanien sind 570 Dämme geplant und selbst Österreich plant 60 weitere Staudämme, und das, obwohl ohnehin schon das meiste verbaut ist. „Das hat doch nichts mit Klimaschutz zu tun, da geht es doch nur um alte Wirtschaftsinteressen,“ rufen wir seit Jahren. Aber in der Öffentlichkeit spielt die Politik und die Wirtschaft die Klimakarte auch bei uns aus. Seht euch nur die Werbungen von Andritz, Verbund, EVN, TIWAG an. Wasserkraft wird per se als Klimaretter verkauft und genau das erleichtert den Bau neuer Dämme, auch die von Belo Monte und Ilisu.

Belo Monte und Ilisu stehen im Film stellvertretend für abertausende andere Staudammprojekte, die vielleicht nicht so bekannt und eindrücklich sind.

Wir haben die beiden Projekte und deren zu erwartenden Folgen auch deshalb ausführlicher beschrieben, weil vielen Menschen nicht klar ist, was an der Wasserkraft so schlecht ist. Anders als beim Regenwaldzerstörung für Biosprit oder beim Maisanbau oder Wind, geschieht bei der Wasserkraft das meiste unter Wasser und ist deshalb nicht so offensichtlich.

Ähnlich verhält es sich beim Biogas. Na klar gibt es in Deutschland mehr Futtermais, als Energiemais, der wird ja auch schon viel länger genutzt. ABER: der Motor für den irren Ausbau in den letzten Jahren war Biogas. Um 200.000 Hektar ist die Energiemaisfläche zuletzt pro Jahr angewachsen! Und die Energiemaisflächen nehmen weiter zu, wenn auch nicht ganz so stark wie zuvor. Immer noch werden täglich Wiesen umgebrochen, um letztlich Biogas zu gewinnen. Und wieder: Biogas auf Maisbasis nutzt dem Klimaschutz nix, garnix. Dazu kann man sich auch gerne die aktuelle Leopoldina-Studie ansehen. Die kommt zu gleichem Ergebnis. http://www.leopoldina.org/de/publikationen/detailansicht/?publication[publication]=433

Welche Folgen der Biogasboom hat, kann man sich im Film ansehen oder man fährt z.B. nach Norddeutschland oder Bayern und sieht sich das selber an. Wirklich alles sehr beeindruckend.

Biogas auf Abfallbasis wäre wünschenswert, spielt aber bei der Gesamterzeugung von Biogas keine Rolle. Deshalb ist das auch nicht im Film erwähnt.

Für sehr gewagt halte ich die im Blog geäußerte Ansicht über die Palmölplantagen auf Borneo: Klimaschutz sei nicht der Treiber für den aktuellen Ausbau der Plantagen, heißt es da. Das widerspricht allen Fakten und meinen Erfahrungen vor Ort. Wozu sonst ist Palmöl bei uns in jedem Liter Diesel? Doch wohl nur, damit die Klimabilanz des Verkehrs verbessert wird. Und diese Nachfrage hat natürlich Auswirkungen in den Erzeugerländern, sprich, der Druck auf die Fläche steigt. Palmöl ist bei uns in viel zu vielen Lebensmitteln, Kosmetika etc. Aber der Markt ist einigermaßen gesättigt. Jetzt kommt Biosprit daher und der lässt die Kassen klingeln und die Natur verschwinden.

Ich finde, die Klimapolitik ist gescheitert, bzw. ist am besten Wege dorthin. Dabei wäre es so schön gewesen: die grüne Technik rettet uns, den Artenvielfalt, die Weltwirtschaft, die Erde überhaupt. Es tut mir Leid, dass ich diese einfachen Antworten bezweifle und bekämpfe. Aber die Zivilgesellschaft hat geradezu die Pflicht, den mainstream zu hinterfragen, auch wenn dieser aus den „eigenen Reihen“ kommt. Das ist oft nicht angenehm. Dafür wir müssen ja auch nicht gewählt werden.

Klimaschutz ohne die Natur mit einzubeziehen ist absurd. Doch genau das läuft gerade. Darauf soll der Film eben auch aufmerksam machen. Und wie die bisherigen Diskussionen in Deutschland zeigen, tut er das auch. Vielen davon spricht der Film aus der Seele oder wie es Hubert Weiger, Chef der größten deutschen Umweltorganisation BUND nach der Vorführung in Berlin formulierte: „Der Film war überfällig.“

 Abschließend noch ein Zitat des Ökonomen Niko Paech zu dem Thema:

„Was derzeit im Namen nicht nur des Klimaschutzes, sondern auch des grünen Wachstums vonstatten geht, würde ich als eine Art Amoklauf gegen die Natur und damit auch gegen den letzten Rest an ökologischer Vernunft bezeichnen.“

Dem ist aus meiner Sicht nichts hinzuzufügen.

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5 Antworten zu “Climate Crimes – die andere Sicht der Dinge

  1. Meiner Meinung nach der einzig richtige Weg muss sein, unseren Energiehunger jetzt sofort drastisch einzudämmen … aber das traut sich niemand zu sagen. Stattdessen hat jetzt wirklich schon jeder eine Sprit-betriebene Schneefräse, einen Rasenmäher-Traktor, … Von unserer Biobäuerin weiss ich, dass Mais ein massives Problem für unsere Bienen darstellt. … Es gäbe noch so viel, was mir jetzt einfällt.
    Wie können wir mit diesem Wissen leben – und wie kann ich dies meinen 3 kleinen Kindern gegenüber rechtfertigen? Am Ende bleibt nur die Angst – um das Leben meiner Kinder!

  2. Herzlichen Dank für den tollen Beitrag! aber das Streben nach mehr und mehr sitzt fest in den Köpfen…
    Biosprit und co.: Ende der 20er Jahre hat Ford einem Physiker den Auftrag gegeben, ein Auto zu entwerfen, das ohne Sprit fährt. Er hat es erfunden und daraufhin hat Ford die Pläne eingestampft und die Gelder gestrichen. Wo ist dieser Entwurf??? Energie ist wie Krieg = lukrativ.
    In der indianische Lehre heißt es, dass Gedankengut verschwindet, um 7 Generationen später wieder aufzutauchen. In Kanada und USA haben einige Indianer Ihr Handwerk und damit die Grundlage Ihrer Kultur wieder ins Leben gerufen: Ihr Gedankengut ist wieder erwacht und es ist nur ein Beispiel unter vielen, wobei Mikrokredite weltweit eine entscheidende Rolle spielen.Die letzten Riesen/Mammutbäume in Nordkalifornien sind durch menschliches Engagement gerettet worden und in Korsika werden Hotelanlagen, die höher als 3 Stockwerke sind, von den Einheimischen gesprengt!
    Die Gegenbewegung ist bereits unterwegs, auch wenn noch in den Kinderschuhen, also Hoffnung besteht. Dennoch ist Ihr Beitrag ein echter Wachrüttler, und es ist gut so! Jede/r muss sich entscheiden: für oder gegen das Leben.
    Véronique

  3. Sehr gute Arbeit! Es spricht mir alles vom Herzen. Ich habe mich in Oberbayern als Landtagskandidat (www.peterzimmer.eu) aufstellen lassen um genau diese Themen in den Wahlkampf einzubringen. Noch mal vielen Dank für einen sehr wichtigen Dokumentarfilm.

  4. Bei allem Respekt vor jenen, die die „Verbrechen im Namen des Klimas“ brandmarken, verweise ich dennoch auf eine Lücke im Klima-Denken. Oder besser auf einen falschen Ansatz. So weit mir bekannt, zielen die Argumente mehrheitlich primär auf „grüne Energie“, wobei Klima erst sekundär als Entscheidungshilfe aufgezäumt wird.

    Ganz anders die Logik im Link

    Gruß
    Jürgen Friedrich

  5. Phänomenologie von Umweltlügen

    Wahrscheinlich beschreibt ein Sprecher im Film den Ausbau der sogenannten Erneuerbaren Energien mit dem Bild „eines Amoklaufes gegen die Arten und die Natur“ am trefflichsten. Wieviel ist von einer Verwaltung zu halten, wenn die eine Energiepflanzenbau für Biogasanlagen und Biosprit als besonders schädlich für den Artenschutz und in der Energiebilanz als negativ einstuft (Landesumweltamt Brandenburg Abt. Arten- bzw. Gebietsschutz sowie Umweltbundesamt) und andererseits Umwelt- und Landwirtschaftsministerien diese Form der Energienutzung als besonders ökologisch bzw. klimafreundlich preisen. Das große Staudammprojekte schädlich für Wasserläufe, Lokalfloren und –faunen sowie tradierte Kulturformen sind, ist bei Leibe nicht neu. In den 2000er Jahren forcierten die Herren Gerhard Schröder (SPD) und Joseph Fischer (Grüne) Staudammprojekte weltweit durch Hermes-Bürgschaften immer auch gegen protestierende Betroffene.
    Überhaupt, wieso wird in bzw. direkt an Naturschutzgebiete der Energiepflanzenbau und der Betrieb von Windkraftanlagen (WKA) erlaubt, wenn das hohe Naturzerstörungspotenzial bekannt ist? Im übrigen dürften durch WKA die Arten und die Natur in noch stärkerem Maße geschädigt werden als durch den Energiepflanzenbau. Für WKA sind nicht nur unmittelbarer Versiegelungsgrad negativ anrechenbar, sondern hier wird durch Zuwegung mit diverser Infrastruktur (Strassen, Stromtrassen etc.) ein vielfaches an Bodenfläche zerstört bzw. Landschaften zerschnitten. Außerdem wird durch WKA in eklatanter Weise der Luftraum gestört bzw. der Horizont verschmutzt.

    Mit freundlichen Grüßen
    Dipl.-Ing. Bernd Baumgart (Landschaftsplaner)

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